Bus gegen Bahn? – Wümmezeitung 30.12.2015

Politiker streiten über Ursachen für geringe Fahrgastzahlen der Linie 4

VON MICHAEL WILKE

Lilienthal·Worpswede·Tarmstedt.Die Linie 4 hat die hoch gesteckten Erwartungen bisher nicht erfüllt. 2734 Fahrgäste an einem durchschnittlichen Werktag: Das ist zu wenig, viel zu wenig im Vergleich zur Prognose vor dem Bau der Straßenbahn. Danach sollte die Linie 4 täglich 4800 Menschen befördern. Doch parallel zur Bahn sind die Regionalbusse 630 und 670 unterwegs in Richtung Bremen. Lilienthaler Politiker wie der Grüne Jörg Flömer und der SPD-Mann Jens Erdmann plädieren dafür, die Buslinien in Falkenberg zu kappen. Dagegen wehren sich die Bürgermeister der Umlandgemeinden Worpswede und Tarmstedt vehement.

Jörg Flömer, Sprecher der Grünen im Lilienthaler Rat, hat sich geärgert, als er die Berichte im WESER-KURIER und in der WÜMME-ZEITUNG las. „Es war eine Fehlentscheidung, die Regiobusse bis Bremen durchfahren zu lassen“, sagt er. „Wir haben einen Parallelverkehr geschaffen, der uns 50 000 Euro zusätzlich kostet und uns die Fahrgäste nimmt.“ Von der Regelung profitierten vor allem Worpswede, Grasberg und Tarmstedt: „Wir sponsern die Nachbargemeinden immer noch mit.“

Jens Erdmann, SPD-Sprecher im Rat, sieht das ähnlich. „Wir müssen ganz kritisch hinterfragen, inwieweit es sinnvoll gewesen ist, die Buslinien am Falkenberger Kreuz vorbei nach Bremen durchfahren zu lassen. Ich habe das schon damals sehr kritisch gesehen.“ Allerdings dürfe das Umland auf keinen Fall abgekoppelt werden. Nötig sei „ein vernünftiger Zubringerverkehr“ zum Falkenberger Kreuz. In einem Punkt sind sich der Grüne Jörg Flömer und der SPD-Mann Jens Erdmann einig: Die Verlängerung der Linie 4 sei die richtige Entscheidung gewesen; die Bahn beschere der Gemeinde einen Aufschwung.

Die Prognose aus dem Jahr 2008, sechs Jahre vor dem Start der Bahn im August 2014, ging noch davon aus, dass das Gros der Regiobusse am Falkenberger Kreuz kehrt machen würde. Nur wenige Pendlerbusse sollten zu den Spitzenzeiten des Berufsverkehrs durchfahren bis Bremen. So kamen Experten in der Standardisierten Bewertung auf durchschnittlich 4800 Fahrgäste an Werktagen (wir berichteten). Doch dann kam alles anders. In den Umlandgemeinden regte sich massiver Widerstand gegen einen Bruch in der Linienführung der Busse. Auch die betroffenen Verkehrsunternehmen machten Druck.

So fahren die Regiobusse von Zeven und Worpswede aus weiter im Stundentakt zum Bremer Hauptbahnhof, in Lilienthal nicht mehr auf der Hauptstraße, sondern über die Trupermoorer und die Moorhauser Landstraße. Für Worpswedes Bürgermeister Stefan Schwenke und seinen Amtskollegen im Tarmstedter Rathaus steht fest: Alles muss bleiben wie es ist. „Wir sind als Hinterlandgemeinden gar nicht beteiligt worden, als die Kriterien für die Standardisierte Bewertung festgelegt wurden“, kritisiert Schwenke. „Wir haben das erst auf Nachfrage erfahren.“ Doch der Plan, die Buslinien am Falkenberger Kreuz zu kappen, sei im Umland auf großen Widerstand gestoßen. „Wenn die Linien in Falkenberg gebrochen werden, führt das dazu, dass sie unattraktiv werden“, warnt Schwenke. „Dann würden Menschen, die jetzt mit dem Bus fahren, aufs Auto umsteigen.“ Dass die Nutzer der Buslinien 670 und 630 in Falkenberg alle in die Linie 4 einsteigen, ist in Schwenkes Augen eine Milchmädchenrechnung.

„Wir werden uns mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass unsere Menschen bis zum Falkenberger Kreuz gebracht werden und da umsteigen müssen“, sagt Tarmstedts Samtgemeindebürgermeister Frank Holle. Vor allem Älteren sei das nicht zuzumuten. Wie Schwenke verweist Holle darauf, dass die Regiobusse über die Universität zum Hauptbahnhof fahren. Mit der Straßenbahn würde der Weg zur Uni mit Umsteigen eineinhalb Stunden dauern. „Die 630 ist unsere Hauptschlagader“, sagt Holle. Sie sei der Grund dafür, dass das neue Baugebiet nach wenigen Monaten ausverkauft gewesen sei: „Für die Menschen ist es sehr wichtig, im Stundentakt nach Bremen zu fahren.“ Umsteigen sei für viele abstoßend.

„Die Zahlen der Linie 4 sind deutlich entfernt von dem, was man haben möchte“, meint Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz. „Wir müssen uns gemeinsam bemühen, die Fahrgastzahlen zu verbessern.“ Die Linienführung der Regiobusse könne Lilienthal nicht einfach ändern. Im Gebiet des Zweckverbandes des Verkehrsverbundes Bremen / Niedersachsen (ZVBN) gebe es ein „feines Geflecht“ von Bus- und Bahnlinien. „Die Gemeinde Lilienthal ist ein Partner von vielen, und es gibt unterschiedliche Interessenlagen.“ Hollatz rät dazu, die ersten drei Jahre des Bahnbetriebs abzuwarten, um dann mit den Partnern im ZVBN über Änderungen zu sprechen.

Rainer Sekunde, Sprecher der CDU im Rat, wirft der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) vor, nicht ehrlich gewesen zu sein. Jetzt sei die Katze aus dem Sack, die Zahlen lägen auf dem Tisch. „Befürchtet habe ich das seit Langem. Wir müssen die BSAG zu Gesprächen einladen“, sagt Sekunde. Die Buslinien 630 und 670 am Falkenberger Kreuz zu kappen, sei keine Lösung. „Die Regiobusse sind wichtig für die Außenbereiche. Das Angebot darf nicht schlechter werden als vor der Straßenbahn.“

Christoph Meyer, Sprecher der Querdenker im Rat, ist „im Nachhinein noch stinksauer.“ Die Bahn sei überflüssig. „Für diesen Unsinn haben wir unseren Ort zerstören lassen.“ Natürlich nähmen die Regiobusse der Bahn Kunden weg: „Das zeigt doch, dass die Busse attraktiver sind als die Bahn. Die Menschen stimmen mit den Füßen ab.“ Die Querdenker fühlen sich bestätigt in ihrer Einschätzung, dass Lilienthal ohne Straßenbahn besser gefahren wäre. In ihren Augen wäre es für die Gemeinde sinnvoller gewesen, das Bussystem auszubauen. Doch kritisiert der Querdenker auch die Nachbargemeinden. Die hätten sich „vehement für die Linie 4 eingesetzt. Wir haben gesagt: Dann müsst ihr euch auch finanziell beteiligen“. Das hätten die Nachbarn rundweg abgelehnt. Meyer hält nichts davon, die Buslinien am Falkenberger Kreuz zu kappen. „Wenn der Bus schneller und attraktiver ist als die Bahn, dann steigen die Leute da ein.“ Doch müsse Lilienthal „aus finanzieller Sicht sagen: Wir zahlen da nichts mehr zu.“