Linie 4 fährt Prognosen hinterher – Weser-Kurier 29.12.2015

Straßenbahnausbau nach Lilienthal hat wirtschaftliche Ziele noch nicht erreicht / Konkurrenz durch Buslinien
VON JÜRGEN THEINER

Bremen·Lilienthal. Die Fahrgastzahlen auf der verlängerten Straßenbahnlinie 4 nach Lilienthal bleiben bisher deutlich hinter den prognostizierten Werten zurück. Laut internen Daten der Bremer Verkehrsbehörde wurden zwischen November 2014 und Oktober 2015 werktags in Höhe der Landesgrenze im Schnitt rund 2700 Passagiere gezählt. Das sind gut 2000 weniger als in der Planungsphase vorhergesagt. Im Jahr 2008 waren bei der sogenannten standardisierten Bewertung des Projekts, die für die Förderung durch den Bund von Bedeutung war, 4800 werktägliche Fahrgäste angenommen worden.

Im Verkehrsressort des Senats rät man dazu, die aktuellen Zahlen noch mit Vorsicht zu genießen. Üblicherweise sei bei vergleichbaren Verkehrsprojekten erst nach etwa drei Jahren eine Auslastung erreicht, die eine endgültige Bewertung rechtfertigt. Dieser „eingeschwungene Zustand“, wie es im Expertenjargon heißt, wäre im Sommer 2017 erreicht. Die Linie 4 bedient seit August 2014 den Streckenabschnitt zwischen Borgfeld und Falkenberg. Ein Aufwärtstrend bei den Beförderungszahlen ist laut Verkehrsressort immerhin erkennbar. Nutzten im Oktober 2014 noch knapp 2800 Nahverkehrskunden werktags die Linie 4 am Zählpunkt Landesgrenze, so waren es ein Jahr später über 3100. Ob die positive Entwicklung anhält und sich die Lücke zu den prognostizierten Werten noch schließen lässt, steht freilich dahin.

Als Hemmschuh hat sich offenbar erwiesen, dass das etablierte Regionalbusnetz im Landkreis Osterholz nicht an das neue Angebot auf der Schiene angepasst wurde. Im Gegenteil: Anders als in der standardisierten Bewertung vorgesehen, konkurrieren Straßenbahn und Busse um Fahrgäste. Ursprünglich war geplant, die meisten EVB-Busse der Linien 630 und 670 aus Richtung Zeven und Worpswede am Falkenberger Kreuz enden zu lassen. Dort sollten die Fahrgäste an die Straßenbahn übergeben werden. Doch in diesem Punkt scheiterten die Befürworter der Schiene am vereinten Widerstand der EVB-Verkehrsbetriebe und des Verkehrsverbundes Bremen-Niedersachsen. Die Regionalbusse fahren deshalb auch weiterhin über Lilienthal ins Bremer Zentrum – wenn auch auf geänderter Route – und sind zum Teil sogar schneller als die Linie 4.

Bei der Bremer Straßenbahn AG wundert man sich deshalb nicht, dass die realen Zahlen bisher noch weit von der 2008 prophezeiten Marke entfernt sind. „Durch das Festhalten an den Regionalbussen hat sich das Szenario grundlegend geändert“, sagt BSAG-Sprecher Jens-Christian Meyer. Dennoch will er sich das Projekt Linie 4 nicht kaputtreden lassen. „Wir sind zufrieden, wenn auch noch nicht abschließend“, so Meyer. „Klar gibt es noch Luft nach oben, aber wir sind dabei, Umsteiger vom Bus auf die Straßenbahn zu generieren.“ In puncto Komfort und Verlässlichkeit sei die Straßenbahn nicht zu schlagen. Größere Einnahmeausfälle gegenüber den Planzahlen habe es bei der BSAG bisher nicht gegeben, versichert Meyer, schränkt aber ein: „Das Betriebsjahr 2015 ist noch nicht abgerechnet.“

So oder so: Die noch stark ausbaufähigen Nutzerzahlen der Linie 4 sind Wasser auf die Mühlen der Kritiker bereits realisierter und noch geplanter Straßenbahnverlängerungen. In Lilienthal gab es bis zur knappen Entscheidung des Gemeinderates für den Gleisanschluss eine starke Nein-Fraktion. Und auch die weitere Verästelung der Linie 1 in Huchting sowie der Ausbau der Linie 8 nach Stuhr/Weyhe haben Gegner entlang der vorgesehenen Trassen mobilisiert. Doch mit diesen Vorhaben sei die Strecke Borgfeld-Lilienthal nicht vergleichbar, versucht Jens-Christian Meyer den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Ausbaustrecken der Linien 1 und 8 erschlössen viel kompaktere, städtisch geprägte Gebiete mit deutlich höherem Fahrgastpotenzial als die Linie 4 in den Landkreis Osterholz.

Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz (Grüne) haben die aktuellen Zahlen aus dem Bremer Verkehrsressort bisher nicht vorgelegen. „Darüber wundere ich mich schon ein wenig“, lässt er durchblicken. Wenn die Durchschnittszahl von 2700 Passagieren denn stimme, dann sei man von der angestrebten Auslastung „noch ein Stück entfernt“. Der Bürgermeister spricht sich für eine gründliche Bestandsaufnahme nach dem Sommer 2017 aus. Dann gehörten auch die Parallelstrukturen von Bus und Straßenbahn auf den Prüfstand.