„Regelung für Verkehr, der gar nicht da ist“ – Wümmezeitung 25.01.2016

Verkehrswacht: Ampeln nachts nur einschalten, wenn Straßenbahn kommt / Vorsitzender fordert mehr Grünpfeile
VON MICHAEL WILKE

Lilienthal. Seitdem die Straßenbahn durch Lilienthal rollt, stöhnen Autofahrer über die vielen Ampeln auf der Falkenberger Landstraße und der Hauptstraße. 22 Signalanlagen stehen an der fünf Kilometer langen Bahntrasse. Horst Beiermann hört ständig Klagen. Der 74-Jährige führt den Vorsitz in der Lilienthaler Verkehrswacht. „Es müsste doch technisch machbar sein, dass die meisten Ampeln nur dann auf Rot schalten, wenn eine Bahn kommt“, sagt Beiermann. Technisch ist das möglich, die Ampeln müssten nur anders programmiert werden. Darüber will die Verkehrswacht mit Experten der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) reden.

Dass die Linie 4 Vorfahrt hat, ist dem Verkehrswacht-Vorsitzenden klar. „Das steht ja schon in der Straßenverkehrsordnung, dass den öffentlichen Verkehrsmitteln möglichst freie Fahrt zu geben ist“, sagt er. Experimente auf Kosten der Sicherheit darf es nach seiner Überzeugung nicht geben. Doch schalten einige Ampeln selbst dann auf Rot, wenn weit und breit keine Bahn in Sicht ist und – vor allem in den Abend- und Nachtstunden – auch kein Auto. „Das verstehen die Leute nicht“, betont der 74-Jährige. „Nach 20 Uhr tut sich nicht mehr viel. Da könnte man die Ampeln doch bis morgens um fünf abschalten.“ Wenn eine Bahn auftauche, könnten die Ampeln ja auf Rot schalten. Auch am Wochenende. „Gucken Sie sich das mal an einem Sonntagnachmittag an“, sagt Beiermann. „Da wird ein Verkehr geregelt, der gar nicht da ist.“ Außerdem plädiert der Verkehrswächter für mehr Grünpfeile an Ampelmasten, die das Rechtsabbiegen auch bei roten Ampeln erlauben.

Das Gros der 22 Ampelanlagen nachts in Schlafampeln zu verwandeln, die nur bei Bedarf rot aufleuchten, wenn die Bahn kommt, ist technisch kein Problem. „Es muss programmiert werden“, sagt Andree Meyer. Als Projektsteuerer für den Straßenbahnbau kennt der Mann vom Consult-Team Bremen (CTB) Lilienthals Ortsdurchfahrt fast so gut wie seine Westentasche. Er weiß aber auch, dass das, was technisch machbar ist, nicht einfach so von einem Tag auf den anderen umgesetzt werden kann. Sicherheitsaspekte und mögliche Gefahren müssen von den Verkehrsexperten sorgfältig geprüft werden.

„Wir sind in der Frage der Ampelschaltung neutral“, erklärt Jens-Christian Meyer, Sprecher der Bremer Straßenbahn AG. „Die Entscheidung muss die Gemeinde treffen oder der Landkreis als Straßenverkehrsbehörde.“ Entscheidend ist für die BSAG, dass die Ampeln immer dann leuchten, wenn die Straßenbahn kommt. „Neutral“ ist die BSAG nach den Worten ihres Sprechers auch in punkto Grünpfeile. Die Schilder mit den kleinen Pfeilen an Ampelmasten signalisieren Autofahrern, dass sie auch bei Rot rechts abbiegen dürfen, wenn der Weg frei ist. Einige hat die Gemeinde schon anbringen lassen, zum Beispiel an der Ausfahrt vom Aldi-Gelände. Doch an anderen Ausfahrten und Einmündungen stehen Autofahrer vor roten Ampeln, obwohl weit und breit weder eine Bahn noch ein anderer Wagen in Sicht ist.

Wer von der Falkenberger Landstraße nach rechts in Nebenstraßen wie den Brauereiweg abbiegen will, muss bei Rotlicht ausharren, obwohl er keinen Sinn darin sieht. Über Grünpfeile fürs Rechtsabbiegen in Nebenstraßen müsse die Gemeinde entscheiden, sagt der Projektsteuerer Andree Meyer. Beim Abbiegen aus Nebenstraßen auf die Hauptstraße und die Falkenberger Landstraße sind die Sicherheitsrisiken gravierender. Für Grünpfeile gelten strenge Richtlinien. Angeschraubt werden dürfen die Schilder nur, wenn eine Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer ausgeschlossen ist. Die Sicherheit von Schulkindern hat immer Vorrang. So verbietet sich ein Grünpfeil an der Einmündung der Straße Auf dem Kamp von selbst.

Grundsätzlich sind die Pfeile nach Andree Meyers Worten nur da möglich, wo Autofahrer freie Sicht haben. „Darum gibt es an der Truperdeich-Einmündung auch keinen Grünpfeil“, erklärt der CTB-Experte. „Da ist eine Haltestelle. Und dann kommt noch der Kurvenbereich hinzu.“ Verboten sind die Pfeil-Schilder überall da, wo Schienen gekreuzt oder befahren werden. „Sie biegen auf die Hauptstraße ab und bleiben liegen – schon ist der Schienenverkehr blockiert“, weiß Andree Meyer.

Nach Internet-Recherchen der Redaktion gibt es weitere Einschränkungen für Grünpfeile. Tabu sind sie da, wo regelmäßig blinde, sehbehinderte oder gehbehinderte Menschen unterwegs sind, und dort, wo Radwege in beide Richtungen befahren werden dürfen. Studien haben ergeben, dass an Ampeln mit Grünpfeilen nicht mehr Unfälle passieren als an gewöhnlichen Lichtzeichen. Allerdings trifft es mehr Radfahrer und Fußgänger als an Ampeln ohne Grünpfeil. Deswegen lehnen Blindenverbände und der Fachverband Fußverkehr die Schildchen mit den Pfeilen rundweg ab.

Der Landkreis weist als Straßenverkehrsbehörde darauf hin, dass die Ampeln und Schaltungen von einem Ingenieurbüro geplant wurden. Es handele sich „um eine äußerst komplexe Verkehrssituation.“ Die Planung sei mit Polizei und BSAG, EVB, der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr sowie mit den Straßenmeistereien und Verbänden wie ADAC und ADFC abgestimmt. „Der Landkreis als Verkehrsbehörde steht Verbesserungen stets offen gegenüber und wird entsprechende Vorschläge der Gemeinde und Polizei gerne aufgreifen“, betont die Sprecherin Jana Lindemann. Doch habe die Gemeinde in Abstimmung mit der Polizei schon reagiert. Nach der Begutachtung aller Einmündungen seien im Einvernehmen mit dem Landkreis Grünpfeile angebracht worden. Jede Veränderung aber müsse sorgfältig geprüft werden – auch im Hinblick auf die Auswirkungen auf das komplexe Gesamtsystem. „Wir haben in den 15 Monaten seit dem Start der Bahn schon Veränderungen vorgenommen“, sagt Lilienthals Bürgermeister Willy Hollatz. So seien die Ampelschaltungen „mehrfach optimiert“ und Grünpfeile angebracht worden. Natürlich könne man sich fragen, ob weitere Veränderungen erforderlich seien. Das Ausschalten von Ampeln bei Nacht müsse aber ebenso sorgfältig geprüft werden wie das Anbringen weiterer Grünpfeilen. „Es ist immer eine gewissenhafte Abwägung zwischen Verkehrsfluss und Verkehrssicherheit“, sagt Willy Hollatz. „Gegen eine Ad-hoc-Lösung, ohne große Prüfung sofort was zu verändern, würde ich mich sperren.“